Die Macht der Worte und die Falle der Emotionen
Kaum ein Begriff dominiert den öffentlichen Diskurs so sehr wie der des »Risikos«.
Es ist ständig präsent: in Politik, Medien und unserer täglichen Entscheidungsfindung. Doch kaum ein Begriff wird zugleich so widersprüchlich wahrgenommen. Wir erleben eine ständige Oszillation zwischen berechtigter Vorsicht und emotional aufgeladenen Debatten, in denen die Grenzen zwischen tatsächlicher Gefährdung, Unsicherheit und purer Angst verschwimmen.
Diese emotionale Aufladung droht unsere Fähigkeit zur rationalen Risikoabwägung zu lähmen. Anstatt Orientierung zu schaffen, verstärken politische Narrative und mediale Zuspitzungen oft den Eindruck einer Dauergefahr. Dies geschieht häufig auf Kosten einer pragmatischen und chancenorientierten Entscheidungsfindung.
Es wäre höchst an der Zeit diesen Kreislauf zu durchbrechen. Diesmal möchte ich eines der zentralen Missverständnisse im Umgang mit Risiken diskutieren und aufzeigen, warum ein kühler Blick auf Daten, Wahrscheinlichkeiten und Proportionalität uns nicht nur sicherer macht, sondern vor allem neue Chancen eröffnet.

Die Fehlinterpretation des Restrisikos
Das prägnanteste Beispiel für dieses Missverständnis ist der Begriff Restrisiko. Ursprünglich stammt dieser Begriff aus dem technischen Risikomanagement, einem Bereich in dem Sachlichkeit und Transparenz oberstes Gebot sind.
In internationalen Normen wie der ISO 31000 und im deutschen Produktsicherheitsrecht ist das Restrisiko klar definiert. Es beschreibt den nicht eliminierbaren Teil eines Risikos der auch nach Anwendung aller vertretbaren und wirtschaftlich sinnvollen Schutzmaßnahmen verbleibt. Es ist das akzeptable oder tolerierbare Risiko.
Ein Maschinenbauer bewertet beispielsweise das Risiko einer Quetschung beim Wartungseingriff. Er sichert die Maschine maximal ab. Der verbleibende Rest das sogenannte Restrisiko wird transparent dokumentiert und über Warnhinweise oder Schulungen abgesichert.
»Warnen statt Sichern«. Der sachliche Zweck ist also Transparenz über verbleibende Gefahren zu schaffen.

Die semantische und psychologische Aufladung
In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich diese Bedeutung jedoch dramatisch verschoben. Besonders in hochsensiblen Bereichen wie der Kernenergie oder der Gentechnik wird das Wort Restrisiko nicht als bewertbare Restgröße verstanden, sondern in der Regel als Chiffre für Unkontrollierbares und Untragbares.
Psychologisch ist dies erklärbar. Das Wort Risiko ist bereits negativ besetzt. Das Präfix Rest verstärkt diese Negativität und assoziiert es mit dem Unbekannten, dem Unfassbaren, dem Unberechenbaren. Eine Studie der Universität Leipzig (Fischer et al, 2008) bestätigte, dass Bürger Restrisiko im Kontext von Atomkraftwerken eher mit nicht kalkulierbarer Katastrophe verbinden als mit technisch abgesicherter Restgröße.
Medien und Politik nutzen diesen Effekt gezielt. Die Formulierung: „Es bleibt ein Restrisiko“ signalisiert nicht etwa, dass 99,999% der Risiken kontrollierbar sind. Sie signalisiert, dass eben doch noch etwas passieren kann. Das Restrisiko wird so vom sachlichen Managementinstrument zum emotionalisierten Angstverstärker umgeformt. Es wird zum Totschlagargument, das rationale Debatten blockiert und technologischen Fortschritt oft unmöglich macht.
Vom Angst-Management zum Chancen-Fokus
Diese Fixierung auf das Restrisiko führt zu einem fundamentalen Denkfehler: Wir managen primär die Angst und vernachlässigen die Chancen-Risiko-Proportionalität.
Jede menschliche Tätigkeit, jeder technologische Fortschritt und jede Investition beinhaltet Restrisiken. Sicherheit ist kein Absolutzustand, sondern immer ein Optimierungsziel. Das Streben nach Nullrisiko ist nicht nur eine Illusion; vielmehr kann es zu einer gefährlichen Blockade für Innovationen werden.
Wer das Restrisiko einer neuen Technologie zum Ausschlusskriterium erhebt, ignoriert oft die wesentlich höheren Risiken der Alternative oder des Status quo.

Die drei Säulen des rationalen Risikomanagements
Um den Fokus wieder auf Chancen Innovation und Fortschritt zu lenken, benötigen wir eine rationalere Risikokommunikation, die auf drei Säulen beruht:
Daten Wahrscheinlichkeit und Impact: Wir müssen uns von der gefühlten Bedrohung lösen und uns auf die messbare Wahrscheinlichkeit (P) eines Ereignisses und den möglichen Schadensumfang (S) konzentrieren. Das tatsächliche Risiko ist das Produkt dieser beiden Faktoren: R = P x S. Diese mathematische Nüchternheit ist der erste Schritt zur Entdramatisierung.
Proportionalität und Alternativlosigkeit: Jede Risikobewertung muss komparativ sein. Wir müssen konsequent fragen: „Was ist das Risiko, wenn wir nichts tun oder die Alternative wählen.“ Nur im direkten Vergleich wird das Restrisiko in seiner wahren Dimension sichtbar. Wenn das Restrisiko einer innovativen Lösung signifikant niedriger ist als die Risiken des Bestands oder des Stillstands, dann ist die Entscheidung klar.
Den Nutzen in den Vordergrund stellen: Risikomanagement darf kein reiner Defensiv-Akt sein. Es muss in aktives Chancen-Management überführt werden. Das Restrisiko muss als der Preis betrachtet werden, den wir bereit sind für den potenziellen Nutzen zu zahlen.

Vorsprung durch kühlen Blick
Wir sind in der Pflicht, das Risikoverständnis in der Öffentlichkeit neu zu justieren. Es geht darum, die dramatisierte Rhetorik zugunsten einer pragmatischen Faktenbasis zu verlassen.
Das Restrisiko ist nicht das Ende der Welt. Es ist der nachweisbare, technisch bewertete Preis des Fortschritts. Wer das Restrisiko scheut, der scheut die Innovation und verzichtet auf die enormen Chancen, die moderne Technologie und rationale Entscheidungsfindung bieten.
Lassen Sie uns den Fokus von der angstbesetzten Vermeidung hin zur selbstbewussten Gestaltung lenken.
Vorsprung statt Halbwissen bedeutet auch, das Restrisiko als akzeptierte Variable zu managen. Um die großen Möglichkeiten, die vor uns liegen, mutig und entschlossen zu ergreifen.
Man stelle sich vor, unsere Vorfahren hätten das Restrisiko des Feuers höher gewichtet als seinen Nutzen. Wir säßen heute noch in der dunklen, kalten Höhle.
Paul Slamanig, Wirtschaftsberater – Executive Advisor
Literaturverzeichnis
Fischer, A., Pidgeon, N., & Kasperson, R. E. (2008). The Social Amplification of Risk: The Case of Nuclear Power. Journal of Risk Research, 11(3), 395-413.
International Organization for Standardization (ISO). (2018). ISO 31000:2018 Risk management – Guidelines.
Produktsicherheitsgesetz (ProdSG). (2021). (Deutscher Rechtsrahmen als Basis für die Risikobeurteilung und das Restrisiko im technischen Kontext).




